Anne-Frank-Schule > Was war los? > Pressespiegel > Newsreader Presse

Die Qual der Wahl: Weiter büffeln oder malochen?

17.02.2017 14:12

Samuel Reviol (Dritter von rechts) will eine Ausbildung beginnen, seine Eltern wollen noch mal darüber sprechen (Foto: Rüdiger Koslowski)
Samuel Reviol (Dritter von rechts) will eine Ausbildung beginnen, seine Eltern wollen noch mal darüber sprechen (Foto: Rüdiger Koslowski)

Anne-Frank-Schüler informieren sich über ihre beruflichen Zukunftsperspektiven - Häufig mangelt es an Orientierung

Wohin soll die Reise gehen? Die Jungen und Mädchen der Anne-Frank-Schule haben die Wahl zwischen Abitur, Fachabitur und dualer Ausbildung. Gespräche mit Schülern und Eltern bei einem Info- Abend über das duale Ausbildungssystem an der Anne-Frank-Schule zeigen, dass die meisten weiter zur Schule gehen wollen. Manch einen zieht es aber auch ins Handwerk.

Wenn Schüler abends in die Schule gehen, dann muss dort schon etwas Besonderes passieren. Samuel Reviol hat sogar seine Eltern im Schlepptau. Die drei stehen mit rund 25 anderen Schülern und Eltern in der Aula der Anne- Frank-Schule.

Dort wollen Johannes Bohn, Aus- und Weiterbildungsberater bei der Industrie- und Handelskammer, und Vanessa Blickhan-Hain von der Personalserviceleistung bei Fraport sowie Wolfgang Haas, der Leiter des Bereichs Berufsausbildung bei Fraport, unter anderem über das duale Ausbildungssystem informieren.

Bei Samuel müssen sie nicht mehr großartig die Werbetrommel für die duale Ausbildung rühren. Der 15-jährige Schüler der neunten Jahrgangsstufe will nach der zehnten Klasse eine Ausbildung als Kfz-Mechatroniker beginnen. Warum hat er sich für eine Ausbildung entschieden? „Ich will nicht mehr mit der Schule weitermachen“ lautet die eindeutige Antwort. Seine Mutter ist mit diesem Weg nicht ganz einverstanden. „Das wird noch diskutiert. Er hat ja noch anderthalb Jahre“, sagt Brigitte Reviol. Denn jeder predige doch, dass die Verdienstmöglichkeiten mit einem Abitur besser seien.

Kürzlich besuchten die Familie die Ausbildungsmesse an der Rüsselsheimer Werner-Heisenberg-Schule. Die Stände der Bauunternehmen seien zumindest während ihrer Anwesenheit nicht gefragt gewesen, hat die Mutter beobachtet. Bei den Banken und der Polizei hätten sich dagegen die Leute getummelt.

Bohn stellt eines fest: Es gibt einen Ansturm auf Abitur und Studium. Er wirbt dagegen für die Ausbildung. Nicht zuletzt wegen des Fachkräftemangels. „Es bewegen sich immer weniger Schüler in diesem Rahmen.“

Haas spricht unterdessen die Rolle der Eltern bei der Entscheidung ihrer Kinder an. „Sie wissen, wo die Talente ihrer Kinder liegen“, betont er. Schüler seien häufig schlichtweg orientierungslos.

Er nennt ein Beispiel: Die Schüler sprechen Fraport an, weil sei bei dem Unternehmen eine Pilotenausbildung machen wollen. Fraport bildet zwar vom Koch bis zum Luftverkehrsmanager ziemlich viele Berufe aus, aber beim besten Willen keinen Piloten. Moritz Wolf und seine Mutter Kerstin Wolf wollen an diesem Abend mal schauen, was Fraport für Berufe anbietet. Aber Moritz neigt eher in Richtung Fachabitur mit anschließender Ausbildung. „Ich will mich in der Schule weiterbilden und noch etwas lernen“, sagt er.

Ahlam Bouhouchi und Fatma Düsünceli sind ohne ihre Töchter zu dem Informationsabend gekommen. Sie nahmen zuvor an einem Elternabend teil. „Meine Tochter will das Abitur machen“, erzählt Bouhouchi. Sie unterstützt dieses Ziel, weil ihr dann alle Türen offenstehen.

Auch die Tochter von Düsünceli will weiter die Schule besuchen. „Das Mädchen darf selbst ihren Weg wählen“, betont die Mutter, die aber eine Ausbildung auch „nicht verkehrt“ findet. Deshalb will sie sich an diesem Abend auch informieren.

Die beiden Schüler Dimitar und Adi aus der achten Jahrgangsstufe sind ohne ihre Eltern gekommen. Dimitar würde gerne das Abitur machen. Der Beruf des Rechtsanwaltes reizt ihn. Eine Ausbildung hält er eher für unwahrscheinlich, dennoch will er sich aber bei Fraport nach den Berufsbildern erkundigen. Und Adi strebt das Fachabitur an. „Im technischen Bereich, deshalb will ich sehen, was Fraport anbietet“, sagt er. Das Fachabitur zieht er aber dem dualen Ausbildungssystem vor, weil er vielleicht noch studieren möchte.

Rita Neidhöfer, die Leiterin der Zukunftswerkstatt an der Integrierten Gesamtschule, wirbt dafür, dass jeder Schüler den Weg geht, der zu ihm persönlich passt. „Es gibt Schüler, die Lust auf Schule haben und durchstarten und solche, die eher praktisch veranlagt sind“, stellt sie fest. Bei Schülern, die handwerklich begabt sind und die keine Lust auf Schule haben, sei eine Ausbildung sicherlich sinnvoll, sagt Neidhöfer.

„Sehr gute Schüler sollten Abitur machen“
Duale Ausbildung oder Abitur? „Das ist ein schmaler Grat“, sagt Berit Grautmann, Pressesprecherin bei der Agentur für Arbeit in Bad Homburg. Der Vorteil der Ausbildung sei das Kennenlernen des und die Einbindung in das Unternehmen. Während der Berufsanfänger nach dem Studium sich erst langsam in das Unternehmen einarbeiten müsse. Allerdings stünden dem Abiturienten die Möglichkeit einer dualen Ausbildung und eines Studiums offen. Nach dem Abschluss der Ausbildung sei aber ebenfalls die Möglichkeit der Weiterentwicklung gegeben. Die Schüler sollten im Blick haben, wo sie sich später sehen. „Ein sehr guter Schüler sollte ruhig das Abitur machen“, rät Grautmann. Ansonsten rät sie zur Ausbildung und sich gegebenenfalls danach über die Fachoberschule weiterzuentwickeln.

Erschienen am 17.02.2017 im Rüsselsheimer Echo
Autor: Rüdiger Koslowski

Zurück